..aber die erste sauce hollandaise ist trotzdem gestockt. Trotz des intensiven Trainings bei Mama. Beim nächsten Mal erst das Eigelb!
Weils so schön ist, schreibe ich auch etwas von der letzten Zeit, die Carina ja schon im letzten Eintrag zusammengefasst hatte.
In unserem Städtebauseminar stecken wir in der zweiten Phase. Im ersten Teil des Semesters sind wir durch Budapest gelaufen und haben aktuelle Probleme und Tendenzen etc. kennengelernt. Dabei sind wir auch in Stadtgebiete gekommen, die eher arm als reich sind und denen gerade von offizieller Seite unter die Arme gegriffen wird. Für den 8. Bezirk wurde eine Firma "Rev8" (Revitalisierung) eingerichtet, die nur zu Teilen der Stadtverwaltung gehört und dort punktuell mit geringem Budget Verbesserungen schafft, um somit den Perpetuummobilewollmilchsauverbesserungsprozess in Gang zu setzen. Der genannte Bezirk (Josephstadt) ist ein typischer Gründerzeitbezirk und war eigentlich vom Bürgertum und der "kritischen Intelligenzia" (hab ich nicht erfunden) bewohnt. Im Sozialismus waren die Bewohner dann aber doch zu kritisch und so wurde der Bezirk nach dem Volksaufstand 1956 systematisch lebensqualitätmäßig ausgehungert, um die Bewohner "abzustrafen". An vielen Häusern kann man noch die Kugel/Granateneinschläge bewundern, die beweisen, dass spätestens seit 1956 dort nix mehr passiert ist. Mittlerweile ist der Stadtteil der mit der höchsten Arbeitslosigkeit, der höchsten Kriminalität, dem höchsten Sinti/Romaanteil und dem größten Zentrum für Obdachlose. Das es dort nicht ganz so rosig zugeht hatten wir schon bemerkt, als wir relativ am Anfang unseres Aufenthaltes bei einer Stadterkundungstour dort durch sind. Unsere Kameras haben wir instinktiv nicht dem Tageslicht ausgesetzt und die dicken schwarzen S-Klassen in schäbigsten Hinterhöfen galant übersehen... Zwei Wochen später war dann unser Städtebauseminarausflug mit einer Truppenstärke von etwa 30 Kommilitonen und trotzdem wurden wir eingewiesen und darauf hin- , dass vor etwa 4 Jahren unser Städtebauprof in diese Gegend nicht alleine gegangen wär. Das dieser Ruf noch drin ist, konnte Carina wiederum zwei Wochen später bemerken, als sie im Rahmen der Workshopwoche (wir berichteten) mit Ihren beiden Budapester Gruppenmitgliedern dort Bilder machen wollte. 20m hinter der schützenden Hauptstraße weigerten sich die beiden wortlos, tiefer in die Löwenhöhle vorzudringen..
Im Haus sind viele Wohnungen untergebracht, die mit außenliegenden Galerien erschlossen werden. Vier Stockwerke hoch, Klo gemeinschaftlich jeweils neben den Treppenhäusern zum Laubengang ohne Tür (also ins Freie), das bringt viel Platz für enge Wohnungen: ca 25 qm (1 Zimmer + Kochnische)und wenig Privatsphäre. Was bei uns gern als Singlehaushalt vermietet wird, ist hier Realität für über 70% der Haushalte in Josephstadt - und diese bestehen dann aber auch aus bis zu 5 Personen. In Dresden bekomme ich meinen ganzen Plunder gerade mal in 23 qm und das fühlt sich nicht sehr geräumig an.Eine andere Strategie wurde etwas weiter südlich angewendet: mit finanzstarken Investoren wird hier gerade versucht, eine Art starkes Rückgrat für den Bezirk zu schaffen:

Auf dem Bild habe ich das mal versucht darzustellen: rechts von der großen Kreuzung am linken Bildrand steht im Blockinnern ein Kino (mit dem grauen Dach), das ganz gut funktioniert. In Verlängerung der Längsachse das Kinos wird nach Osten hin die sogenannte 'Corvinpromenade' verwirklicht. Der erste Abschnitt ist eine recht große glasüberdachte Einkaufspassage - die ist schon so gut wie fertig. Weiter östlich entsteht ein länglicher Platz (die fehlenden Ränder habe ich rot ergänzt). Für das Projekt wurde eine bestehende Straße als Anhaltspunkt genommen, alle angrenzenden Häuser aber großflächig abgerissen. Ein vorher (von den Investoren) in Auftrag gegebenes Gutachten hatte ergeben, dass die bestehende Bausubstanz nicht erhaltenswürdig sei. Nach und nach wurden alle lose bestehenden Vorgaben (Baumasse, Geschosshöhe) im Planungsprozess an die Investoren verkauft, so dass jetzt mitten im Bezirk bis zu zehnstöckige Appartment- und Geschäftshäuser entstehen, die im krassen Gegensatz zur umgebenden Bebauung stehen (grün markiert). Vielleicht geht das Konzept auf (den Eiffelturm haben die Pariser ja auch am Anfang gehasst) und der Bezirk entwickelt sich zum 'Besseren'; etwas sensibler hätte man aber doch vorgehen können.
Ein Teilprojekt sieht auch den Neubau eines Fußballplatzes in der Nähe des Obdachlosenzentrums vor, den Budapest ist Weltmeister im Obdachlosenfußball (wurde uns gesagt). Das muss an der großen Auswahl liegen.
200m von uns entfernt, am Sigmund Moritz Rundplatz soll ein 60er Jahre Pavillion umgebaut werden. Die vorbeigehende interessierte Öffentlichkeit darf zwischen zwei Entwürfen wählen. Währenddessen ist das Objekt eingerüstet und mit den Perspektiven der beiden Entwürfe behängt. Ein aufmerksamer Mensch hat allerdings auf den Architektentraumperspektiven etwas vermisst und es nachträglich ergänzt:

Auch weiterhin unternehmen wir große Touren durch die Stadt, mittlerweile ausgestattet mit Architekturführern und unserem wachsenden Wissen über die Zusammenhänge der Stadt. Dabei finden wir immer wieder Kurioses und ich kann meine fotografischen Sammelleidenschaften pflegen und viel Datenmüll ansammeln:
reich geschmücktes dreckiges Haus
BélaLajta: Handelsschule
Otto Wagner: Synagoge
Der Südbahnhof: Victor Vasarely draußen und Glas+Beton innen

Transformatorengebäude im 7.Bezirk
Staatsarchiv und BMEDie beiden letzten Bilder führen wieder zurück zum Städtebauseminar: als Abschluss des ersten Abschnitts mussten wir ein bebildertes Essay über ein Budapester Städtbauphänomen schreiben. Die Aufgabe war recht offen formuliert, es durfte nur nicht kopiert werden und sollte eher eine persönliche Beobachtung beschreiben als sehr wissenschaftlich zu sein. Carina wählte den 'Park der Jugend', der in Sichtweite vom heimischen Balkon liegt und so Manches zu bieten hat. Zum Beispiel den 'Feneketlen Tö' ('Der See ohne Grund'). Ich nahm den Anlass, über ein Kuriosum zu schreiben, das dem Richard und mir vor zwei Jahren zum ersten mal in Prag aufgefallen war: Entlüftungsschächte, etc.. Die Schönsten gibts in der Nähe der U-Bahn oder von Tunnelsn. Manche sind ganz klein und rostig, manche wiederum zeugen vom Stolz der technischen Errungenschaft. Wenn man einmal die Aufmerksamkeit auf solche Sachen gelenkt hat, hört's nie wieder auf.
Diesen 'Augenwurm' konnte ich erfolgreich auf manche Gäste verpflanzen. Hihi. Caro und Tobi besuchten uns in einer respektablen 48h Hau-Ruck-Aktion, Arbeitsstress zuhause, Touristenstress in Budapest und dazu noch zweimal knapp zehn Stunden Nachtzug über osteuropäische Schienen. Und nun noch Entlüftungsschachte. Das hat der Welt noch gefehlt, Herr Lohmann! Eine von mir bestellt Leberpizza allerdings auch. Unser Lachkrampf darüber dürfte trotz slovakischer Schienen in Erinnerung bleiben. Ich schließe mich Carina an: Schön war's!
Auch schön war der Besuch von Carinas Eltern 3 Tage später. Lecker Essen und schöne Touren bis in die Budaer Berge gingen viel zu schnell vorüber.
Im Städtebaufach müssen wir jetzt den öffentlichen Raum der Umgebung des Unicampus aufwerten. Eine kleiner Entwurf mit wöchentlichen Konsultationen, am Dienstag ist Präsentation. Die nächsten Tage wird also fertigentworfen.
Baugeschichte ist mit Aufwand zuendegegangen. Für den 2.Test haben wir nicht so viel gelernt, wie für den ersten, was auch reichen müsste. Zeitgleich mussten wir aber auch eine aquarellierte Bleistiftzeichnung einer Fassade eines vorgegebenen italienischen Renaissancegebäudes einreichen. Früher wurde fast nur so Architektur an den Hochschulen gelehrt, in Dresden mussten wir das aber nicht machen. Die Fassade mussten wir aber nicht selbst konstruieren, sondern haben sie mithilfe eines ausgehängten Fensters durchgepaust. Mit ausmalen dauert das mal ein Wochenende oder gar länger.
Mein Tageslichtkurs (man lernte einiges über das Phänomen Licht, die Dimensionierung von Öffnungen, etc.) ist noch nicht ganz vorbei. (Morgen muss ich mich am letztmöglchen Tag noch einschreiben in die Prüfung...). Allerdings gab es eine lustige Exkursion zu einem sogenannten 'Heliostat'. Das ist eine Vorrichtung, die Sonnenlicht mithilfe von computergesteuerten Spiegeln in dunkle Ecken eines Gebäudes lenkt. Im gezeigten Beispiel war das nur eine Spielerei für einen etwas schattigen Innenhof eines Bürohauses. Die ausführende Firma allerdings wollte anscheinend bei angehenden Architekten Eindruck erwecken, es gab nämlich ein kaltes Buffet mit ausgezeichneten kleinen Schnittchen und Kaltgetränken.

Nationalfeiertag und Wahl war auch noch!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen