Donnerstag, 13. Mai 2010

Die Spargelsaison ist eröffnet!


..aber die erste sauce hollandaise ist trotzdem gestockt. Trotz des intensiven Trainings bei Mama. Beim nächsten Mal erst das Eigelb!

Weils so schön ist, schreibe ich auch etwas von der letzten Zeit, die Carina ja schon im letzten Eintrag zusammengefasst hatte. 

In unserem Städtebauseminar stecken wir in der zweiten Phase. Im ersten Teil des Semesters sind wir durch Budapest gelaufen und haben aktuelle Probleme und Tendenzen etc. kennengelernt. Dabei sind wir auch in Stadtgebiete gekommen, die eher arm als reich sind und denen gerade von offizieller Seite unter die Arme gegriffen wird. Für den 8. Bezirk wurde eine Firma "Rev8" (Revitalisierung) eingerichtet, die nur zu Teilen der Stadtverwaltung gehört und dort punktuell mit geringem Budget Verbesserungen schafft, um somit den Perpetuummobilewollmilchsauverbesserungsprozess in Gang zu setzen. Der genannte Bezirk (Josephstadt) ist ein typischer Gründerzeitbezirk und war eigentlich vom Bürgertum und der "kritischen Intelligenzia" (hab ich nicht erfunden) bewohnt. Im Sozialismus waren die Bewohner dann aber doch zu kritisch und so wurde der Bezirk nach dem Volksaufstand 1956 systematisch lebensqualitätmäßig ausgehungert, um die Bewohner "abzustrafen". An vielen Häusern kann man noch die Kugel/Granateneinschläge bewundern, die beweisen, dass spätestens seit 1956 dort nix mehr passiert ist. Mittlerweile ist der Stadtteil der mit der höchsten Arbeitslosigkeit, der höchsten Kriminalität, dem höchsten Sinti/Romaanteil und dem größten Zentrum für Obdachlose. Das es dort nicht ganz so rosig zugeht hatten wir schon bemerkt, als wir relativ am Anfang unseres Aufenthaltes bei einer Stadterkundungstour dort durch sind. Unsere Kameras haben wir instinktiv nicht dem Tageslicht ausgesetzt und die dicken schwarzen S-Klassen in schäbigsten Hinterhöfen galant übersehen... Zwei Wochen später war dann unser Städtebauseminarausflug mit einer Truppenstärke von etwa 30 Kommilitonen und trotzdem wurden wir eingewiesen und darauf hin- , dass vor etwa 4 Jahren unser Städtebauprof in diese Gegend nicht alleine gegangen wär. Das dieser Ruf noch drin ist, konnte Carina wiederum zwei Wochen später bemerken, als sie im Rahmen der Workshopwoche (wir berichteten) mit Ihren beiden Budapester Gruppenmitgliedern dort Bilder machen wollte. 20m hinter der schützenden Hauptstraße weigerten sich die beiden wortlos, tiefer in die Löwenhöhle vorzudringen.. 

Zwei Strategien werden unternommen: einerseits kleine gemeinschaftliche Renovierungsprozesse durchführen, bei denen sich Bewohner durch MitArbeit dann ein neues Klo oder Ähnliches erarbeiten, nebenbei wird die Gemeinschaft gestärkt und der Stadtteilpark aufgeforstet und mit einem Spielplatz versorgt. Das durch Umbau gewonnene Stadtteilzentrum kann schon Erfolge bei der Kinderdisko aufweisen... Beim Rundgang kamen wir zu diesem Haus, dass eher lang als breit ist und zum Glück keinen gleichartigen Nachbarn hat, denn dann sähe der Hof noch schmaler aus. Im Haus sind viele Wohnungen untergebracht, die mit außenliegenden Galerien erschlossen werden. Vier Stockwerke hoch, Klo gemeinschaftlich jeweils neben den Treppenhäusern zum Laubengang ohne Tür (also ins Freie), das bringt viel Platz für enge Wohnungen: ca 25 qm (1 Zimmer + Kochnische)und wenig Privatsphäre. Was bei uns gern als Singlehaushalt vermietet wird, ist hier Realität für über 70% der Haushalte in Josephstadt - und diese bestehen dann aber auch aus bis zu 5 Personen. In Dresden bekomme ich meinen ganzen Plunder gerade mal in 23 qm und das fühlt sich nicht sehr geräumig an.
Eine andere Strategie wurde etwas weiter südlich angewendet: mit finanzstarken Investoren wird hier gerade versucht, eine Art starkes Rückgrat für den Bezirk zu schaffen:
Auf dem Bild habe ich das mal versucht darzustellen: rechts von der großen Kreuzung am linken Bildrand steht im Blockinnern ein Kino (mit dem grauen Dach), das ganz gut funktioniert. In Verlängerung der Längsachse das Kinos wird nach Osten hin die sogenannte 'Corvinpromenade' verwirklicht. Der erste Abschnitt ist eine recht große glasüberdachte Einkaufspassage - die ist schon so gut wie fertig. Weiter östlich entsteht ein länglicher Platz (die fehlenden Ränder habe ich rot ergänzt). Für das Projekt wurde eine bestehende Straße als Anhaltspunkt genommen, alle angrenzenden Häuser aber großflächig abgerissen. Ein vorher (von den Investoren) in Auftrag gegebenes Gutachten hatte ergeben, dass die bestehende Bausubstanz nicht erhaltenswürdig sei. Nach und nach wurden alle lose bestehenden Vorgaben (Baumasse, Geschosshöhe) im Planungsprozess an die Investoren verkauft, so dass jetzt mitten im Bezirk bis zu zehnstöckige Appartment- und Geschäftshäuser entstehen, die im krassen Gegensatz zur umgebenden Bebauung stehen (grün markiert). Vielleicht geht das Konzept auf (den Eiffelturm haben die Pariser ja auch am Anfang gehasst) und der Bezirk entwickelt sich zum 'Besseren'; etwas sensibler hätte man aber doch vorgehen können.
Ein Teilprojekt sieht auch den Neubau eines Fußballplatzes in der Nähe des Obdachlosenzentrums vor, den Budapest ist Weltmeister im Obdachlosenfußball (wurde uns gesagt). Das muss an der großen Auswahl liegen. 
200m von uns entfernt, am Sigmund Moritz Rundplatz soll ein 60er Jahre Pavillion umgebaut werden. Die vorbeigehende interessierte Öffentlichkeit darf zwischen zwei Entwürfen wählen. Währenddessen ist das Objekt eingerüstet und mit den Perspektiven der beiden Entwürfe behängt. Ein aufmerksamer Mensch hat allerdings auf den Architektentraumperspektiven etwas vermisst und es nachträglich ergänzt:


Auch weiterhin unternehmen wir große Touren durch die Stadt, mittlerweile ausgestattet mit Architekturführern und unserem wachsenden Wissen über die Zusammenhänge der Stadt. Dabei finden wir immer wieder Kurioses und ich kann meine fotografischen Sammelleidenschaften pflegen und viel Datenmüll ansammeln:

reich geschmücktes dreckiges Haus

BélaLajta: Handelsschule

Otto Wagner: Synagoge

Der Südbahnhof: Victor Vasarely draußen und Glas+Beton innen

Transformatorengebäude im 7.Bezirk

Staatsarchiv und BME

Die beiden letzten Bilder führen wieder zurück zum Städtebauseminar: als Abschluss des ersten Abschnitts mussten wir ein bebildertes Essay über ein Budapester Städtbauphänomen schreiben. Die Aufgabe war recht offen formuliert, es durfte nur nicht kopiert werden und sollte eher eine persönliche Beobachtung beschreiben als sehr wissenschaftlich zu sein. Carina wählte den 'Park der Jugend', der in Sichtweite vom heimischen Balkon liegt und so Manches zu bieten hat. Zum Beispiel den 'Feneketlen Tö' ('Der See ohne Grund'). Ich nahm den Anlass, über ein Kuriosum zu schreiben, das dem Richard und mir vor zwei Jahren zum ersten mal in Prag aufgefallen war: Entlüftungsschächte, etc.. Die Schönsten gibts in der Nähe der U-Bahn oder von Tunnelsn. Manche sind ganz klein und rostig, manche wiederum zeugen vom Stolz der technischen Errungenschaft. Wenn man einmal die Aufmerksamkeit auf solche Sachen gelenkt hat, hört's nie wieder auf.  


Diesen 'Augenwurm' konnte ich erfolgreich auf manche Gäste verpflanzen. Hihi. Caro und Tobi besuchten uns in einer respektablen 48h Hau-Ruck-Aktion, Arbeitsstress zuhause, Touristenstress in Budapest und dazu noch zweimal knapp zehn Stunden Nachtzug über osteuropäische Schienen. Und nun noch Entlüftungsschachte. Das hat der Welt noch gefehlt, Herr Lohmann! Eine von mir bestellt Leberpizza allerdings auch. Unser Lachkrampf darüber dürfte trotz slovakischer Schienen in Erinnerung bleiben. Ich schließe mich Carina an: Schön war's!

Auch schön war der Besuch von Carinas Eltern 3 Tage später. Lecker Essen und schöne Touren bis in die Budaer Berge gingen viel zu schnell vorüber.

Dazwischen mussten wir auch immer mal in der Uni erscheinen, denn mittlerweile neigen sich fast alle Kurse dem Ende zu.

Im Städtebaufach müssen wir jetzt den öffentlichen Raum der Umgebung des Unicampus aufwerten. Eine kleiner Entwurf mit wöchentlichen Konsultationen, am Dienstag ist Präsentation. Die nächsten Tage wird also fertigentworfen. 

Baugeschichte ist mit Aufwand zuendegegangen. Für den 2.Test haben wir nicht so viel gelernt, wie für den ersten, was auch reichen müsste. Zeitgleich mussten wir aber auch eine aquarellierte Bleistiftzeichnung einer Fassade eines vorgegebenen italienischen Renaissancegebäudes einreichen. Früher wurde fast nur so Architektur an den Hochschulen gelehrt, in Dresden mussten wir das aber nicht machen. Die Fassade mussten wir aber nicht selbst konstruieren, sondern haben sie mithilfe eines ausgehängten Fensters durchgepaust. Mit ausmalen dauert das mal ein Wochenende oder gar länger.

Unsere Ungarischklasse hat mit einem abschließendem Test auch ein Ende gefunden. Haben wir gut überstanden.
Mein Tageslichtkurs (man lernte einiges über das Phänomen Licht, die Dimensionierung von Öffnungen, etc.) ist noch nicht ganz vorbei. (Morgen muss ich mich am letztmöglchen Tag noch einschreiben in die Prüfung...). Allerdings gab es eine lustige Exkursion zu einem sogenannten 'Heliostat'. Das ist eine Vorrichtung, die Sonnenlicht mithilfe von computergesteuerten Spiegeln in dunkle Ecken eines Gebäudes lenkt. Im gezeigten Beispiel war das nur eine Spielerei für einen etwas schattigen Innenhof eines Bürohauses. Die ausführende Firma allerdings wollte anscheinend bei angehenden Architekten Eindruck erwecken, es gab nämlich ein kaltes Buffet mit ausgezeichneten kleinen Schnittchen und Kaltgetränken.

Nationalfeiertag und Wahl war auch noch!

Donnerstag, 6. Mai 2010

Heimat.

Ein Monat ist schon vorbei? Nee. Kann nich sein, kommt mir vor wie 2 Wochen. Zur Zeit habe ich das Gefühl in der Beschleunigungsmaschinerie zu sitzen. Da hat man in der Uni endlich mal was zu tun, was über eine Anwesenheitspflicht hinausgeht, und schon kommt einem jeder Tag ziemlich kurz vor. Heute haben wir unseren geliebten Ungarischkurs mit einem Test beendet, draußen schüttete es unglaubliche Tonnen Wasser vom Himmel und ich kam mir vor wie in der Schule, unter Neonleuchten saßen wir und beantworteten ein paar Fragen zu unserer Person, hängten Suffixendungen an Nouns und Adjectives, deklinierten schöne Verben. Danach zogen uns unsere Komilitonen ins 24h-Palatschinkenhaus. Alle möglichen Palacsinta für unter 1 Euro, Geschmack nicht inbegriffen.

Jetzt habe ich das Gefühl, dass mir Budapest ganz gut passt. Ich muss gar nicht mehr zurück;) Wenn es hier aus allen Ecken spriest und der Flieder über die Zäune hängt, lässt es sich hier wunderbar aushalten. Zumal denkt man ziemlich oft an die gezählten Tage unseres Aufenthalts, und wenn dann auch noch der Länge nach Besuche anstehen, fühlt es sich wie Dresden an. Ich schnüffle auch gern mal etwas Kirschblüten:


Die meiste freie Zeit verbringen wir mit Stadtrundgängen. Mitunter kommen einem relativ kuriose Architekturen unter und manchmal sucht man speziell nach bautechnisch Besonderem. Beispielsweise die Autobusgarage in unserem Bezirk. Sie ist ingenieurstechnisch besonders interessant, weil die Halle mit ihren Ausmaßen von 70x100m ohne Mittelstützen auskommt. Als Lösung sah man mehrere, aneinandergereihte, elliptische Betonschalen vor, wobei diese Konstruktion damals in den beginnenden 40er Jahren noch relativ neu und unerprobt war. Der Architekt musste sich lange mit höherer Mathematik auseinandersetzen um die Statik nachweisen zu können. Im aktuellen Foto sieht man nur den Eingangsbereich der Anlage mit Brücke, hinten ein Stück der kurzen Seite der Halle, ein Wachhund schützte auch dort eine enorme Anzahl an Stadtbussen.


Weitere Eindrücke moderner Architektur gewannen wir

entlang großer Zubringerstrassen im Westen der Stadt:


... und am Deli Palyaudvar in mitten der Stadt. 

Die 60er haben hier eine recht kuriose Fassadengestaltung hinterlassen:



Ein Highlight in Budapest Ende April stellte die "Critical Mass" dar. Eine Radfahrerdemo quer durch die Stadt. Sieht ungefähr so aus: 

http://www.youtube.com/watch?v=SGE9zir3T8Q

Der Sinn der Sache ist recht simpel: mehr Radwege, bessere Bedingungen! Im Laufe der Zeit hat sich das Event zu einem Massenradschleppen entwickelt. Über 80.000 Radfahrer demonstrierten, 30.000 mehr als letztes Jahr. Leider haben wir kein Fahrrad hier, ansonsten wären wir mit von der Partie gewesen. Ich glaube, jeder der in der Stadt ein Rad besitzt war an diesem 24. April im Sattel! Die Tour endet im Osten der Stadt, genauer im Stadtwäldchen, dort wird tradtitionsgemäß das Fahrrad in die Luft gehoben und gefeiert.

2 Tage später bekamen wir Besuch von Caro und Tobi. Schön wars! Budapest in 48 Stunden, Sonnenbrand und Blasen an den Füßen. Gellért Hegy, Burg, Fischerbastei, Kettenbrücke, Turmbesteigung St. Istvan Basilika, Szimpla Kert, und abmatten aufm Sofa. Am Abend gabs unerwartet Leberpizza. Conrad hatte sich verbestellt. Köstlich! Am nächsten Tag jedoch holten wir kulinarische Fehlpässe im netten Restaurant "Menza" wieder auf und testeten gleich für den elterlichen Besuch der 3 Tage später folgen sollte.

 

Conrad erklärt Tobi das Funktionsprinzip der Exa. Im Hintergrund sitzen zufällig zwei spanische Erasmusmitstudenten, ebenfalls mit heimatlichem Besuch.


Hier guckt der Helmar riesen Fische im landschaftlich durchgestylten Millenarispark:


Am letzten Wochenende unternahmen wir in Familie wunderbare Touren in den Budaer Bergen, und immernoch haben wir nicht alle umliegenden Hügel erklommen. Unerwartet viele Täler offenbaren sich einem, die sich aus entfernteren Blickwinkeln nicht wahrnehmen lassen, das zieht dann eine Wanderung schonmal in die Länge, aber wir sind ja trainiert. 

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir meine Eltern und begrüßten am Abend Christiane am Gödör. Auf ihrer Durchreise nach Kroatien über Sarajevo blieben noch ein paar Stunden für ein Bier. Soviele vertraute Gesichter! Wunderbar. 

Zur Zeit planen wir unsere Reise nach Ljubljana. Am 24. Mai wollen wir schon dort sein und vorher noch 2 Tage Graz mitnehmen. Danach bleiben uns noch ganze 3-4 Wochen Ungarn. Vielleicht noch Romänien und Siebenbürgen, ein dicker Reiseführer wartet schon auf uns.