Mittwoch, 10. März 2010

die Stadt [város]


Budapest entwickelte sich aus 3 verschiedenen unabhängigen Städten zu dem, was es heute ist.

Der Teil, der heute am unwichtigsten ist, stellt dabei die erste erwähnenswerte Siedlung im heutigen Stadtgebiet dar: Óbuda.
Das war mal ein römisches Militärlager ('Aquinum') und Provinzhauptstadt am Westufer der Donau, die damals den Verlauf des Limes markierte. Óbuda liegt heute als Stadtteil am nördlichen Stadtrand. Die Pestseite der Donau war damals Sumpfgebiet, nur eine ganz kleine Befestigung befand sich dort (heute kommt dort die große weiße Elisabeth-Brücke an).
Im Mittelalter entwickelte sich auf dem Budaer Berg eine Burg mit Stadt.
Erst später, aber noch im Mittelalter entstand eine Händlerstadt im Gebiet des heutigen ersten Ringes, der auch den Verlauf der Stadtmauer darstellt.
Mit der Ottomanischen Herrschaft (1541-1686) kamen original türkische Bäder und die Umnutzung der Felder zu Weidegebieten: die Puszta entstand und Ungarn schwang sich zur Versorgernation (West)Europas auf. 



Die landwirtschaftlichen Güter wurden alle durch das Nadelöhr Pest befördert, d.h. genau daran vorbei, denn den Viehmarkt wollten die Pester nicht in der Stadt haben. Deshalb entstand die erste Brücke auch nördlich der damaligen Stadtmauer (heutige Kettenbrücke).
Pest war als landwirtschaftliches Handelszentrum und immer mehr Produktionszentrum wichtiger als die Budaburg geworden und wuchs kräftig, v.a. mit der Vertreibung der Ottomanen (1686) mithilfe der Habsburger. Gegen diese wiederum wurde sich 1848 aufgelehnt - nächste Woche Montag am 15. März wird dessen gedacht  Mit der industriellen Revolution entstanden Fabriken, spekulativ geplante Stadtviertel und nach einer den Großteil der mittelalterlichen Bebauung Pests vernichtenden Flut (1838) auch viele neue öffentliche Gebäude im ehemaligen mittelalterlichen Stadtzentrum. 
Der Zusammenschluss zu Budapest erfolgte um 1870.


Unsere Uni steht auf künstlich gewonnenem Land, denn kurz vor der Jahrhundertwende wurde die sich südlich ab dem Gellertberg verbreiternde Donau in ihrem natürlichen Lauf korrigiert. Auf der linken Karte kann man im Süden gut den Damm erkennen, der den neuen Uferverlauf markiert. Die rote Fläche markiert den heutigen Standort der BME, der rote Punkt weiter westlich unser jetziges Domizil.

 Denn 1896 wurde das Millennium der ungarischen Landnahme gefeiert und am damaligen Stadtrand wurde eben neues Land für einen Vergnügungspark gewonnen, außerdem wurde das Stadtwäldchen (Városliget) neu beplant und die erste elektrische U-Bahn auf europäischem Festland gebaut. Die damaligen Randgebiete der Stadt sind mittlerweile natürlich von vielen weiteren Stadtschichten umwallt.

Im 2.Weltkrieg wurde Budapest teilweise zerstört, dennoch bietet sich ein recht einheitliches Bild. Alle Donaubrücken sind aber Rekonstruktionen. An manchen Häusern sieht man Granatensplittereinschläge im Putz und die Häuser sehen auch so aus als wären sie seitdem nie verändert worden. 

Wie viele andere andere europäische Großstädte wuchs Budapest weiterhin kräftig, die Auswüchse der autogerechten Stadt merkt man aber nicht so stark, wie z.B. in Dresden. Ein Problem stellt die vielbefahrene Ost-West-Achse dar, die mitten durch das Zentrum Pests vom Astoria über die Elisabeth-Brücke nach Westen läuft und den Park zwischen Gellérthegy und Burgberg zerschneidet. Dem Autoverkehr wird recht viel Raum zugestanden, die fußgängigen Bewohner haben recht wenig Ausweichflächen, und wenn dann sind alle versiegelt: für den 5.Bezirk (=ehemaliges mitelalterliches Pest) steht der Bevölkerung gerade mal ein öffentlicher Park zur Verfügung:

Die Dichte wird auch am Preisvergleich Wohnraum (35m² Wohnung kaufen: 9 Mio Forint) und Parkraum (Privatparkplatz: 3 Mio Forint) deutlich.


Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs wurden einige schicke Plattenbausiedlungen gebaut, in einer leben bis zu 40000 Menschen. Die haben wir bisher meist nur von der Ferne gesehen.  
Aller Wohnungsbesitz, der im Sozialismus in staatlichem Besitz war, konnte kurz nach der Wende in einem kurzen Zeitraum von den Mietern für billig Geld gekauft werden. Das hat zur Folge, das heute über 95% des Wohnungsbesitzes Privateigentum sind. Das bedeutet aber auch, dass die Häuser von den Besitzergemeinschaften in Ordnung gehalten werden müssen, was in den allermeisten Fällen nicht funktiniert. Der große Anteil Altbausubstanz, der durch die sozialistische Glocke bis jetzt überlebt hat, wird nun also doch langsam dem Verfall preisgegeben. Dazu, dass ein nicht zentrales Gründerzeitviertel wie z.B. die Dresdner Neustadt schon wieder fast komplett renoviert ist, wird es hier wahrscheinlich nie kommen.
Für die (wohlhabende) Bevölkerung, die attraktiven Wohnraum sucht, gibt es im Stadtzentrum keine Alternativen, deshalb ziehen viele in die Peripherie und bauen sich dort ein schönes Häusl. Das macht sich auch in der seit der Wende sinkenden Einwohnerzahl bemerkbar (1990: 2 Mio - 2010: 1,7 Mio). Die freigewordenen Wohnungen im Stadtzentrum können nun billig an Erasmusstudenten vermietet werden.  
Das Hostel, in dem wir die erste halbe Woche verbrachten, ist auch so ein Fall. Da wartet der Hausbesitzer nur, bis er Geld/Investoren genug hat, um in der besten Lage gegenüber des Nationalmuseums die alte Bude abzureißen und ein neues Haus zu bauen. Bis dahin kann der Hostelbesitzer mit seiner Etage machen was er will.

Auf der Budaer Seite in den Hanglagen sieht vieles netter aus, dort haben schon immer die betuchteren Bürger gewohnt. Dort ist es auch nicht so dicht, aber die Stadt wächst immer mehr in die Berge und letzte verbliebene Grundstücke werden teuer bebaut.

Für Entwicklungen neuer Stadtquartiere gibt es nur Platz auf ehemaligen Brachflächen oder durch Umnutzungen:

Für die EXPO '95 Wien-Budapest ist schon gebaut worden, als klar wurde, das das Geld nicht ausreicht. Übrig bleib das Gebiet links der Donau, dessen Gebäude nun Universitäten übernommen haben. Der Rest in städischem Besitz, wie die Freianlagen, Straßen, Fußwege, das fast fertige Stadion - verfällt.

Nur ein einziger fertiger Pavillion - der des Vatikans, behauptet sich als katholische Kirche.


Auf dem Gebiet rechts der Donau wurde vor ein paar Jahren ein großer Güterbahnhof geschlossen und der gewonnene Grund an Investoren verkauft. Leider nicht mit einkalkuliert in die Grundstückspreise wurde die Umlegung der S-Bahn, die zwischen der Donau und dem Gebiet verläuft. So bietet sich dem Besucher heute dieses Bild: 10m begrünter Uferstreifen, Maschendrahtzaun, zweigleisige Bahnstrecke, 20m Privatpark der Bürokomplexe und dann die Bürokomplexe selbst. Am südlichen Ende dieser Top-Lage befindet sich, begrenzt eben von der SBahn, der Schnellstraßen- und der Eisenbahnbrücke (dahinter ein OBI) und einer Ausfallstraße mit Tram im Osten - die Nationaloper und der Palast der Künste mit dem Ludwigmuseum (Wir berichteten: 'Valentin nap'). Diese spezielle Lage war uns damals schon aufgefallen, allerdings wird es noch besser, denn das Nationaltheater sollte eigentlich gar nicht dort stehen: das schon fertige, hochsensibel-schockabsorbierende Fundament und Untergeschoss steht schon mitten im Stadtzentrum am Deak Tér. Das ist jetzt der vormals erwähnte Club 'Gödör' ( 'Hegy [der Berg]' ). Nach einem Regierungswechsel wurde der angefangene Bau gestoppt und der Architekt des Privathauses des neuen Ministerpräsidenten durfte dann die Nationaloper bauen.

Na dann!

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